#12 Eigene Bedürfnisse ernst nehmen: Egoismus oder Selbstverantwortung?
Egoismus oder Selbstverantwortung?
Wenn Klarheit wächst und gleichzeitig Schuldgefühle auftauchen.
Egoismus oder Selbstverantwortung – diese Frage stellen sich viele Menschen im Midlife, wenn sie beginnen, eigene Bedürfnisse ernster zu nehmen. Viele Menschen geraten im Midlife an einen inneren Punkt, an dem sich der Wunsch nach Veränderung meldet und gleichzeitig die Frage auftaucht, ob es egoistisch ist, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen.
Inhaltsverzeichnis
-
Ist das egoistisch oder endlich stimmig?
-
Egoistisch: ein Wort mit innerer Sprengkraft
-
Was Egoismus tatsächlich beschreibt
-
Selbstverantwortung als innere Neuorientierung
-
Selbstliebe im Alltag
-
Warum sich Veränderung so häufig egoistisch anfühlt
-
Was du tun kannst, wenn der Egoismusgedanke den inneren Raum bestimmt
-
Der blinde Fleck zwischen Anpassung und Rücksichtslosigkeit
-
Eine neue innere Ausrichtung
-
Was sich langfristig verändert
-
Ein neuer Blick auf Egoismus
Ist das egoistisch oder endlich stimmig?
„Darf ich das so machen?“
„Ist das egoistisch?“
„Das kann ich doch nicht bringen.“
Diese Fragen begegnen mir häufig im Coaching. Sie kommen von Menschen, die über viele Jahre Verantwortung übernommen haben. Für ihre Familien. Für ihre Arbeit. Für Beziehungen, Rollen und Erwartungen. Es sind Menschen, die zuverlässig waren, die sich angepasst haben, die funktioniert haben und die eigene Bedürfnisse lange hinten angestellt haben.
Wenn solche Menschen beginnen, etwas für sich zu verändern, entsteht oft ein innerer Konflikt. Dieser Konflikt zeigt sich unterschwellig und bleibt präsent. Er äußert sich selten als klare Entscheidung, sondern eher als Zweifel. Die Angst vor Egoismus rückt in den Vordergrund und stellt jede Veränderung infrage.
Egoistisch: ein Wort mit innerer Sprengkraft?
Egoismus ist stark negativ besetzt. Viele Menschen verbinden damit Rücksichtslosigkeit, emotionale Kälte oder einen ausschließlichen Fokus auf die eigene Person. In den inneren Wertsystemen vieler meiner Klient:innen gilt Fürsorge als Tugend. Anpassung gilt als Stärke. Verlässlichkeit gilt als Selbstverständlichkeit.
Wer lange in solchen Wertesystemen gelebt hat, erlebt Abgrenzung schnell als Regelbruch. Eigene Bedürfnisse passen schwer in dieses Bild. Sobald sie auftauchen, entsteht innerer Widerstand. Dieses Erleben wirkt ungewohnt und widerspricht vertrauten inneren Maßstäben.
Im inneren Erleben existieren häufig zwei Kategorien: vollständige Orientierung an anderen oder Egoismus. Der Raum dazwischen bleibt lange unbeachtet.
Was Egoismus tatsächlich beschreibt
Egoismus beschreibt ein Verhalten, bei dem eigene Interessen durchgesetzt werden, während die Auswirkungen auf andere ausgeblendet bleiben. Der Blick richtet sich auf den eigenen Vorteil, Beziehung verliert an Bedeutung. Der entscheidende Punkt liegt dabei im Umgang mit dem Umfeld.
Egoismus zeigt sich in einer Haltung der Gleichgültigkeit. Verbindung spielt eine untergeordnete Rolle. Konsequenzen für andere fließen kaum in Entscheidungen ein.
Dieses Muster erlebe ich bei meinen Klient:innen selten. Stattdessen begegne ich Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl. Menschen mit einem feinen Gespür für ihr Umfeld. Menschen, die sehr genau wahrnehmen, welche Wirkung ihr Handeln auf andere hat.
Selbstverantwortung als innere Neuorientierung
Selbstverantwortung beschreibt die Fähigkeit, für eigene Bedürfnisse, Entscheidungen und Grenzen einzustehen und die Verantwortung dafür bei sich zu halten. Diese Haltung richtet den Blick nach innen und schafft Orientierung. Sie fragt nach Stimmigkeit, nach Tragfähigkeit und nach innerer Klarheit.
Gerade im Midlife gewinnt diese Haltung an Bedeutung. Viele Menschen spüren in dieser Lebensphase deutlich, dass alte Rollen an Passung verlieren. Erfahrung und Kompetenz sind vorhanden. Gleichzeitig wirkt das alte innere Regelwerk weiter.
Selbstverantwortung verändert die Beziehung zu sich selbst. Häufig verändert sie auch die Dynamik im Außen. Erwartungen verschieben sich. Reaktionen entstehen. Beziehungen kommen in Bewegung.
Selbstliebe im Alltag
Selbstliebe zeigt sich im alltäglichen Umgang mit sich selbst. Sie zeigt sich darin, wie ernst jemand eigene Signale nimmt und ob Bedürfnisse im eigenen Leben einen Platz bekommen. Viele Menschen haben diesen Zugang über Jahre verlernt. Pflichten standen im Vordergrund. Funktionieren wurde zur Gewohnheit.
Selbstliebe wirkt oft unspektakulär. Sie zeigt sich in kleinen Entscheidungen, im Setzen von Grenzen und im bewussten Einbeziehen der eigenen Person. Für Menschen, die lange stark im Außen orientiert waren, fühlt sich dieser Umgang mit sich selbst zunächst fremd an.
Warum sich Veränderung so häufig egoistisch anfühlt
Viele Klient:innen haben über lange Zeit in festen Rollen gelebt. Diese Rollen gaben Orientierung und schufen Stabilität. Sie boten Zugehörigkeit und Sicherheit.
Wenn sich diese Rollen verändern, reagiert das innere Bewertungssystem. Unsicherheit entsteht. Schuldgefühle tauchen auf. Wer lange verfügbar war, wirkt plötzlich distanziert. Wer häufig zugestimmt hat, wirkt plötzlich fordernd. Wer lange verlässlich war, wirkt plötzlich unzuverlässig.
Dieses Erleben entsteht häufig, weil das Umfeld an eine bestimmte Rolle gewöhnt war. Schuldgefühle begleiten in solchen Phasen innere Neuordnungen. Sie markieren Übergänge und Entwicklung.
Was du tun kannst, wenn der Egoismusgedanke den inneren Raum bestimmt
Der Gedanke an Egoismus taucht häufig in Momenten innerer Bewegung auf. Er zeigt sich dort, wo alte Erwartungen und neue innere Klarheit gleichzeitig wirksam sind. In solchen Situationen unterstützt eine bewusste innere Struktur die Orientierung.
-
Den Gedanken einordnen
Der Satz „Das ist egoistisch“ beschreibt zunächst eine innere Reaktion. Er zeigt Unsicherheit an. Er stellt noch keine Einordnung dar. Diese Unterscheidung schafft inneren Abstand.
-
Den Fokus auf Stimmigkeit richten
Statt sich moralisch zu bewerten, lohnt sich der Blick auf Stimmigkeit. Entspricht diese Entscheidung den eigenen Werten? Entspricht sie der aktuellen Lebensphase? Entspricht sie dem eigenen Verständnis von Fairness?
-
Verantwortung bewusst bei sich halten
Selbstverantwortung bedeutet, die eigenen Motive zu klären und für die eigenen Entscheidungen einzustehen. Diese Haltung stärkt innere Stabilität und unterstützt Klarheit im Handeln.
-
Beziehung mitdenken
Jede Entscheidung wirkt in Beziehung. Die bewusste Einbeziehung dieser Ebene erweitert den Blick. Welche Wirkung zeigt sich für mich? Welche Wirkung zeigt sich für andere? Beide Perspektiven verdienen Aufmerksamkeit.
Der Egoismusgedanke verliert an Kraft, wenn Klarheit entsteht. Struktur ersetzt innere Vorwürfe. Orientierung ermöglicht Entscheidungen, die sowohl selbstbezogen als auch beziehungsfähig bleiben.
Der blinde Fleck zwischen Anpassung und Rücksichtslosigkeit
Viele Menschen bewegen sich lange zwischen zwei Polen: Anpassung und Rücksichtslosigkeit. Dazwischen liegt ein weiter Raum, der selten bewusst betreten wird. Ein Raum für Klarheit, Abgrenzung, Selbstverantwortung und Beziehungsfähigkeit.
Dieser Raum entwickelt sich schrittweise. Er braucht Zeit, Übung und innere Erlaubnis. Gerade für Menschen, die lange stark im Außen orientiert waren, bedeutet dieser Schritt eine grundlegende innere Umstellung.
Eine neue innere Ausrichtung
Statt sich selbst moralisch zu bewerten, eröffnet eine andere innere Ausrichtung neue Perspektiven. Fragen nach Klarheit, Verantwortung für das eigene Erleben und Beziehung zu sich selbst und zu anderen unterstützen Selbstklärung. Sie ersetzen innere Vorwürfe durch bewusste Auseinandersetzung.
Was sich langfristig verändert
Menschen, die sich selbst ernst nehmen, wirken klarer. Sie treffen stimmigere Entscheidungen und gestalten Beziehungen bewusster. Sie bleiben verlässlicher, weil sie sich innerlich weniger verlieren. Verantwortung erhält eine neue Qualität.
Ein neuer Blick auf Egoismus
Viele Situationen fühlen sich egoistisch an, obwohl sie eine neue innere Ausrichtung zeigen. Dieses Gefühl erzählt eine Geschichte von Anpassung, von Rollen und von Veränderung. Manchmal zeigt sich Mut genau darin, sich selbst wieder einzubeziehen.
Manche Fragen lassen sich nicht sofort beantworten. Sie begleiten eine Zeit lang, verändern ihre Form und verlieren dabei an Schärfe. Die Frage nach Egoismus gehört oft dazu.
Im Midlife verschiebt sich der Blick. Entscheidungen entstehen weniger aus Pflicht und stärker aus innerer Übereinstimmung. Das verändert den Umgang mit sich selbst und mit anderen. Es verlangt Aufmerksamkeit für Zwischentöne und die Bereitschaft, vertraute Bewertungen zu überprüfen.
Dieser Prozess verläuft selten gradlinig. Er braucht Zeit, Erfahrung und innere Offenheit. Genau darin liegt seine Qualität. Er führt zu Entscheidungen, die nicht perfekt sind, aber stimmig. Zu einem Leben, das weniger aus Rollen entsteht und stärker aus bewusster Wahl.
Am Ende geht es um die Fähigkeit, sich selbst im eigenen Leben wieder mitzudenken. Still, klar und ohne Rechtfertigung.
Fotocredit: Jamez Picard / unsplash