#13 Gemischte Gefühle in der Lebensmitte: Wenn zwei Wahrheiten gleichzeitig gelten - Ellen Holling - Life & Business Coach
2492
wp-singular,post-template-default,single,single-post,postid-2492,single-format-standard,wp-theme-stockholm,wp-child-theme-stockholm-child,stockholm-core-2.4.7,select-child-theme-ver-1.1,select-theme-ver-9.14.2,ajax_fade,page_not_loaded,menu-animation-underline,,qode_menu_,qode-mobile-logo-set,wpb-js-composer js-comp-ver-8.6.1,vc_responsive
Gleichzeitig

#13 Gemischte Gefühle in der Lebensmitte: Wenn zwei Wahrheiten gleichzeitig gelten

Die Gleichzeitigkeit von Gefühlen

Wenn Vermissen und Erleichterung nebeneinander bestehen.

Gleichzeitigkeit von Gefühlen dieses Thema begegnet vielen Menschen im Midlife, wenn sich Lebenswege verändern und Abschiede spürbarer werden. Oft fühlen wir zwei Dinge, die sich zu widersprechen scheinen, und glauben, eines davon müsse falsch sein. Dieser Artikel zeigt, warum beides gleichzeitig wahr sein darf, was die Psychologie darüber weiß und wie dir dieser Gedanke Druck nehmen kann.

Inhaltsverzeichnis

  1. Ich vermisse ihn, und ich will nicht zurück
  2. Warum unser Kopf so gern in Entweder-oder denkt
  3. Was die Forschung über gemischte Gefühle weiß
  4. Warum das in der Lebensmitte so wichtig wird
  5. Wie du Gleichzeitigkeit üben kannst
  6. Zum Schluss: ein Bild von der Ostsee

Ich vermisse ihn, und ich will nicht zurück

„Mir geht es deutlich besser.“ Das hat mir vor Kurzem eine Frau in einem Gespräch erzählt. Als ich nachfragte, woran das liegt, war ihre Antwort erstaunlich schlicht: Sie hat begriffen, dass Dinge gleichzeitig wahr sein können.

Sie vermisst einen Menschen. Und sie möchte trotzdem nicht mehr mit ihm zusammen sein. Lange hat sie geglaubt, dass eines von beidem falsch sein muss.

Entweder ist das Vermissen ein Zeichen, dass sie zurückgehen sollte. Oder die Trennung war richtig, dann dürfte das Vermissen eigentlich gar nicht da sein. Dieses innere Hin und Her hat sie mehr Kraft gekostet als die Trennung selbst.

Wenige Wochen vorher hatte eine Klientin von mir fast dieselbe Entdeckung gemacht. Eine andere Geschichte, ein anderes Leben, und doch derselbe Moment, in dem etwas in ihr leiser wurde. In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, wie viel Erleichterung in diesem einen Gedanken liegt.

Warum unser Kopf so gern in Entweder-oder denkt

Schwarz-Weiß-Denken ist zunächst einmal ein Werkzeug. Unser Gehirn vereinfacht, wenn es unter Druck steht, weil zwei Möglichkeiten schneller zu überblicken sind als zwanzig.

Gerade Menschen, die seit vielen Jahren Verantwortung haben, beherrschen dieses Werkzeug gut. Wer führt, muss entscheiden: ja oder nein, weiter oder Stopp. Im Job ist das oft genau richtig.

Schwierig wird es, wenn wir dasselbe Werkzeug auf unser Innenleben anwenden. Der Psychiater Aaron Beck hat schon in den 1960er-Jahren beschrieben, wie Menschen in depressiven Phasen ihre Erfahrungen in zwei gegensätzliche Schubladen sortieren: perfekt oder wertlos, richtig oder falsch. Er nannte das dichotomes Denken, und es gehört bis heute zu den bekanntesten Denkverzerrungen in der kognitiven Verhaltenstherapie.

Neuere Studien bringen diese Denkweise mit mehr Grübeln und mehr depressiver Belastung in Verbindung. Vielleicht kennst du das als Gedankenkarussell: Der Kopf sucht nach der einen richtigen Antwort und findet sie nicht, weil es sie in dieser Eindeutigkeit gar nicht gibt.

Ich stelle mir das manchmal so vor, als gäbe es in unserem Inneren nur einen einzigen Stuhl. Jedes Gefühl muss erst ein anderes verdrängen, bevor es Platz nehmen darf. Mal sitzt dort die Sehnsucht, mal die Klarheit, und keine von beiden kommt zur Ruhe.

Was die Forschung über gemischte Gefühle weiß

Lange galt in der Psychologie die Annahme, dass Freude und Traurigkeit zwei Enden derselben Skala sind. Wer glücklich ist, ist demnach nicht traurig, und umgekehrt.

Die Psychologen Jeff Larsen, Peter McGraw und John Cacioppo haben das 2001 in drei Studien mit über 500 Personen überprüft. Im Alltag fühlten die meisten tatsächlich entweder das eine oder das andere. In bedeutsamen Momenten sah das anders aus: Nach einem bewegenden Film, beim Auszug aus dem Wohnheim oder am Tag des Studienabschlusses empfanden viele Teilnehmende Freude und Traurigkeit gleichzeitig. Die Forschenden schlossen daraus, dass positive und negative Gefühle zwei eigenständige Systeme sind, die zur selben Zeit aktiv sein können.

Noch spannender finde ich, was danach kam. Jonathan Adler und Hal Hershfield begleiteten 2012 insgesamt 47 Erwachsene durch eine zwölfwöchige Psychotherapie. Nach jeder Sitzung schrieben die Teilnehmenden auf, was sie bewegte, und diese Texte wurden auf ihren Gefühlsgehalt hin ausgewertet.

Das Ergebnis: Wer Freude und Traurigkeit gleichzeitig beschrieb, fühlte sich in den folgenden Wochen psychisch spürbar besser. Dieser Effekt ging über die Wirkung von Freude allein hinaus. Die gemischten Gefühle kamen zuerst, die Verbesserung folgte danach. Die Forschenden vermuten, dass es uns leichter fällt, schweren Erfahrungen einen Sinn zu geben, wenn wir das Gute und das Schwere zusammen anschauen dürfen.

Mich erinnert das an Musik. Ein einzelner Ton ist klar, aber ein Akkord entsteht erst, wenn mehrere Töne zugleich erklingen. Manche davon reiben sich aneinander, und gerade das gibt dem Klang seine Tiefe.

Warum das in der Lebensmitte so wichtig wird

Die Stanford-Psychologin Laura Carstensen hat in jahrelangen Studien beobachtet, dass gemischte Gefühle mit dem Alter zunehmen. Ihr Team spricht von „Poignancy“, im Deutschen kommt das Wort Wehmut dem wohl am nächsten. Gemeint ist das Gefühl, das sich bei bedeutsamen Abschieden einstellt, wenn etwas Schönes endet und wir es gerade deshalb so deutlich spüren.

Carstensen erklärt das mit unserem Zeithorizont. Je bewusster uns wird, dass unsere Zeit begrenzt ist, desto häufiger erleben wir „letzte Male“, und desto öfter mischen sich Freude und Abschied.

Genau an diesem Punkt stehen viele Menschen zwischen 40 und 60. Die Eltern werden alt, im Freundeskreis gibt es die ersten schweren Diagnosen, die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Und plötzlich ist da die Frage, ob es mit dem eigenen Leben wirklich so weitergehen soll bis zum Schluss.

In dieser Phase begegnen mir in meiner Arbeit immer wieder Sätze, die sich zu widersprechen scheinen:

  • Ich bin dankbar für meinen Job, und er erfüllt mich nicht mehr.
  • Ich liebe meine Familie, und ich brauche dringend Raum nur für mich.
  • Ich bin stolz auf das, was ich aufgebaut habe, und ich bin unglaublich müde.
  • Ich will etwas verändern, und ich habe Angst, damit alles ins Wanken zu bringen.

 

Wer nur Entweder-oder kennt, muss einen dieser Halbsätze zum Schweigen bringen. Meist trifft es das eigene Bedürfnis, weil die Verantwortung lauter ist. Das kostet auf Dauer enorm viel Kraft, und oft zeigt sich diese Erschöpfung irgendwann in schlaflosen Nächten oder in einer inneren Leere, die sich nicht mehr wegorganisieren lässt.

Gleichzeitigkeit nimmt dir keine Entscheidung ab. Du wirst weiterhin wählen müssen, was du tust. Doch die Entscheidung entsteht dann aus einem ruhigeren Inneren, weil kein Gefühl mehr erst besiegt werden muss, bevor du klar sehen kannst.

Wie du Gleichzeitigkeit üben kannst

Gleichzeitigkeit ist eine Fähigkeit, die wachsen kann. Diese vier Impulse sind ein guter Anfang.

Das kleine Wort „und“. In der Dialektisch-Behavioralen Therapie, die die Psychologin Marsha Linehan entwickelt hat, ist das ein zentraler Gedanke: Zwei scheinbar gegensätzliche Wahrheiten können zur selben Zeit gelten. Achte einmal darauf, wie oft du „aber“ sagst. Ein „aber“ löscht meist alles aus, was davor stand. Ein „und“ lässt beides stehen: Ich vermisse ihn, und ich möchte nicht zurück.

Zwei Fragen statt einer. Wenn dich etwas umtreibt, frag dich zuerst: Was ist gerade wahr? Und dann: Was ist außerdem wahr? Schreib beide Antworten auf, ohne eine davon zu korrigieren.

Gefühle als Auskunft verstehen. Ein Gefühl erzählt dir etwas über dich. Es ist keine Handlungsanweisung. Das Vermissen sagt etwas darüber, wie viel dir ein Mensch bedeutet hat. Ob du zurückgehen solltest, sagt es dir noch lange nicht.

Dem Körper Zeit geben. Wenn zwei Gefühle gleichzeitig da sind, spür einmal nach, wo du sie wahrnimmst. Oft wohnen sie an verschiedenen Orten, das eine vielleicht in der Brust, das andere im Bauch. Allein das Wahrnehmen schafft schon etwas Abstand zum Gedankenkarussell.

Zum Schluss: ein Bild von der Ostsee

Die Ostsee vor unserer Haustür ist Brackwasser. Hier mischen sich das salzige Wasser aus der Nordsee und das süße Wasser der Flüsse. Und genau in dieser Mischung lebt eine ganz eigene Welt, die es so nirgendwo sonst gibt.

Vielleicht ist das mit unserem Innenleben ähnlich. Was entsteht, wenn zwei Gefühle sich mischen dürfen, ist oft reicher und wahrhaftiger als jedes einzelne von ihnen.

Die Frau aus dem Gespräch hat übrigens weder ihr Vermissen abgelegt noch ihre Entscheidung bereut. Sie hat beidem einen Platz gegeben. Und seitdem ist es in ihr ruhiger geworden.

Wenn du gerade spürst, dass in dir mehrere Wahrheiten gleichzeitig um Raum ringen, und du sie sortieren möchtest, ohne eine davon opfern zu müssen, dann lade ich dich herzlich zu einem Erstgespräch ein. Wir schauen gemeinsam hin, was alles wahr sein darf, und was davon dir den Weg in deinen nächsten Lebensabschnitt zeigt.

 

 

 

Foto: Johannes Meger